Bereits aus der Zeit von 747 v. Chr. belegen archäologische Funde von Blockhäusern eine präslawische früheisenzeitliche Besiedlung im polnischen Biskupin, dem an dem gleichnamigen See gelegenen Dorf in der Nähe von Poznan. Auch die ausgedehnten Grabungsfunde des mittelalterlichen Nowgorod in Russland zeigen eine Bebauung ganz aus Holz, die Straßen gepflastert mit einem flachgepressten Belag aus Holzspalten für den Verkehr mit Schlitten. Die Gebäude sind zu 98 Prozent aus unbearbeitetem Kiefernholz und zeigen eine verbreitete Bauweise: Als Adam Olearius im Jahr 1636 im Rahmen seiner dritten Russlandreise die Wolga abwärts fuhr, fand er in Städten wie Zarizyn (später Stalingrad/Wolgograd) eine fast vollständige Blockhausbebauung vor. Bis heute gibt es in den Bergen von Rumänien und der Slowakei ganze Dörfer nur aus Holz.
So ist in der Holzverarbeitung in Osteuropa eine einheitliche Methode zu beobachten: Die Bäume werden entweder im Winter oder im Frühjahr geschlagen, bevor der Saft steigt, bis zum darauf folgenden Frühjahr liegengelassen und erst ein Jahr später verarbeitet, nachdem sie geschlagen wurden. Die Wahl des Holzes erfolgte unter genauer Berücksichtung der topografischen Bedingungen und der jeweiligen Lage. Im hohen Norden und in den Bergen waren nur Kiefer und Tanne leicht zu verarbeiten. Woanders wurden Harthölzer ebenso gern verwendet, und Eiche wurde weltweit wegen ihrer Beständigkeit geschätzt und für die Grundschwellen sowie das zuunterst liegende Gerüst verwendet, während man weicheres Holz für die oberen Teile des Baus nutzte.
Die Rundholzbohlen blieben im Norden Russlands bis auf die Entfernung der Rinde unbearbeitet. Weiter südlich, in der Slowakei, in Rumänien und der Ukraine, wurde das Holz hingegen zu geraden Bohlen verarbeitet. Man nutzte lediglich die Axt und das Breitbeil, versah die Hölzer an den Enden mit Kerben und legte sie zur Aufrichtung einer Wand übereinander. Für die Aussparungen der Fenster und Türen wurden die Balken beschnitten und in die Nut der Fenster- und Türrahmen eingepasst. Die Schwierigkeit, stabile Eckverbindungen zu fertigen, führte zur Entwicklung komplizierterer Verkämmungen und Verblattungen. Im 18. Jahrhundert entstand eine Form der Schwalbenschwanzverbindung, die sich wegen ihrer besonderen Stabilität von Kroatien bis in die Ukraine verbreitete.
Unter allen osteuropäischen Regionen mit Holzarchitektur war der Norden Russlands sicher die abgeschiedenste. Hier, wo auch mit riesigen Waldflächen, den größten zusammenhängenden der Welt, eine unerschöpfliche Ressource zur Verfügung stand, blieb die Tradition des Holzbaus bis weit ins 20. Jahrhundert hinein lebendig. Das charakteristische Formenvokabular der russi-schen Kirchen, die Zeltdächer und Zwiebeltürmchen, gehen ganz auf die Holzbauweise zurück. Bemerkenswert ist die große Gewandtheit der russischen Baumeister und Zimmerleute im Umgang mit der Axt. Es wurden damit die Bäume gefällt, die Rinde abgezogen, Bohlen und Bretter und selbst kleinteiliges Dekor angefertigt. Sägen wurden nur, wenn es unumgänglich war, verwendet, da sie die Maserung öffnen und das Holz dann dem extremen Klima schutzlos aussetzen. Die Axt hingegen schützt die Maserung und versiegelt die Oberfläche des Holzes.
Den Einfluss der gemauerten Steinarchitektur kann man im Holzbau des nördlichen Rumäniens erkennen, der sehr spät die Erscheinungen der internationalen Gotik reflektiert.
Auch in Russland stellen die Grundschwellen die Basis des Blockhausbaus dar, die auf russisch »srub« genannt wird. Wie üblich besteht sie aus vier an den Enden über-einander gelegten Rundbohlen. Sämtliche russische Holzarchitektur baut im Grunde auf diesem Prinzip auf. Besonders im Typus des Bauernhauses lebt die Bauweise der »sruby« unverfälscht fort. Im Einzelfall durchaus von einem Zimmermann aus der Region errichtet, sind die Häuser oftmals doch das Werk des Bauern selbst, besitzen seit jeher ihre ganz eigenen einnehmenden Proportionen und sind mit Schnitzwerk und Malereien ausgestattet.
Das typische Bauernhaus (»isba«) hat zwei Stockwerke und eine Außentreppe; im oberen Stockwerk befindet sich der Wohnbereich und unten sind die Wirtschaftsräume mit Heuschober und Stallungen. In dieser Anordnung ließ sich der bäuerliche Betrieb auch bei widriger Witterung und selbst bei tiefem Schnee aufrechterhalten.
Bauernhäuser waren in der Regel klein, konnten aber unter gewissen Umständen von beträchtlicher Größe sein wie beispielsweise das Haus aus Oshewnewo (Abb. 6), heute auf der Insel Kischi, das dem so genannten Korb-Typus entspricht, dem »koschel«. Über rechteckigem Grundriss bietet sich darin Platz für alle Funktionsbereiche eines Bauernhauses – die Wohnräume unter kurzen, steilen, die Wirtschaftsräume unter langen, flachen Dächern.
Im Erdgeschoss finden sich Vieh- und Pferdeställe ebenso wie Schuppen, wo während des langen Winters gearbeitet werden konnte. Die darüber liegenden Heuschober und Gerätschaftslager waren durch eine lange Rampe von außen zu erreichen, über die auch ein Pferdegespann einfahren konnte. Das Obergeschoss wurde von massiven Pfeilern getragen, die bei Bedarf einzeln ersetzt werden konnten, ohne dass die Stabilität des ganzen Baus beeinträchtigt wurde.
Auch das Dach besteht ganz aus Rundblockbohlen und ist im Inneren durch unbehauene Balken querversteift, den »slegi«. Auf diesen Pfetten liegen Tannenbohlen (»kuritsi«) als Sparren, die auf bestimmte Art gefällt wurden, sodass die Wurzeln am unteren Ende wie Haken stehen bleiben, in welche die Traufbalken gleichsam eingehängt werden können. Hierauf liegen nun die Enden der Planken auf, mit denen das Dach gedeckt wird. Über dem ganzen First liegt ein ausgehöhlter Stamm – »schelom« oder »Helm« – mit der Aushöhlung nach unten. Gehalten wird dieser Firstbalken von Holzdübeln oder Zapfen, die emporragen und die Silhouette des Daches bestimmen. Sie werden »soroki« oder »Elstern« genannt.
Erst Anfang des 11. Jahrhunderts erfolgte die Christianisierung Russlands in den ländlicheren Regionen. Die frühen Kirchen werden sich zunächst nur durch ein Zwiebeltürmchen von den umliegenden Bauernhäusern unterschieden haben, und ländliche Kapellen tradieren diese Form über Jahrhnnderte hinweg. Der Kirchenbau der russisch-orthodoxen Kirche hat sicherlich seinen Ursprung in der byzantinischen Architektur. Auf die Holzarchitektur übertragen, bedeutete das ein aus drei Blockhausmodulen, den »sruby«, bestehendes Gebäude. Der östliche Teil beherbergt den Altar, der mittlere das Kirchenschiff, während der westliche Teil die »trapeznaja« genannt wurde – der »Narthex« in der Terminologie der Ostkirche. Es ist ein vom Griechischen abgeleiteter Name, denn »trapeza« heißt »Tisch« und ist heute noch als Bezeichnung für das Refektorium eines Klosters gebräuchlich. Diese Vorhalle diente verschiedenen Zwecken, etwa der Versammlung der Glaubensgemeinschaft vor und nach der Liturgie zu Zwecken der Gerichtsbarkeit. Unter den Vorsprüngen der Dächer fanden die typischen Vorhallen oder externen Treppen (»krylzo«) ausreichend Platz.
Der Ursprung der für Russland so typischen Pyramiden- oder Zeltform des Dachs bleibt ungewiss. Schon die slawischen Befestigungen nutzten oktogonale Grundrisse, da mit einer einfachen polygonalen Konstruktion in der Blockbautechnik ein Raum entstand, dessen Durchmesser die Länge selbst des höchsten Nadelbaumes überschritt. Mit dem spitzen polygonalen Dach ergab sich jene charakteristische Form, die im Kirchenbau ihren Höhepunkt fand. Ein kleiner Turm be-krönte in der Regel die Spitze eines Dachs. Das Prinzip des polygonalen Helms über einem zentralen Turm hat von der Holzarchitektur her kommend möglicherweise auch den Steinbau in Russland beeinflusst; Beispiele hierfür wären die Basilius-Kathedrale in Moskau (1555) und noch deutlicher die Himmelfahrts-Kathedrale von Kolomenskoje (1532). Ein großer Narthex umgibt das zentrale Schiff der Dormitio-Kirche von Kuritsko, Nowgorod (1595). Auch hier erhebt sich ein polygonaler Turm über quadratischem Grundriss, ähnlich wie bei der Kirche Geburt der Jungfrau Maria (1539) aus Peredki, die sich heute im Vitoslavlitsy-Museum für Holzarchitektur in Nowgorod befindet (Abb. 3). Errichtet über kreuzförmigem Grundriss, besitzt sie eine Vielzahl überdachter Nebenräume mit steilen polygonalen Dächern. Die extreme Tendenz zur Vertikalen wird durch einen überdachten Dreiviertel-Umgang durchbrochen, der sich weit über jede winterliche Schneeverwehung zu Füßen der Kirchenwände erhebt. Mit den Konsolen, die diesen Laufgang stützen, nutzte man die dem Holz innewohnende Stärke und Belastbarkeit.
Die typische Form des oktogonalen Turms geriet im 17. Jahrhundert in Verruf. Während der von Patriarch Nikon drastisch betriebenen Kirchenreformen von 1653 wurden die Zeltdächer verboten. Als Symbol des rechten Glaubens galt nur noch die byzantinisch orientierte Kreuzkuppelkirche mit fünf Kuppeln. Das daraus folgende Schisma der russisch-orthodoxen Kirche führte zur Abspaltung der »Altgläubigen« oder »Altritualisten« (»raskolnild«), die nach Norden flohen, weit weg vom Einzugsbereich des Patriarchen in Moskau. Sie betrieben den Bau von Zeltdachtürmen auch weiterhin. Doch die größte Zeltdachkirche entstand erst viel später, im Jahr 1774 am Ufer des Onega-Sees: Die Himmelfahrtskirche von Kondopoga (Abb. 1) besitzt ein schmales Langhaus, zwei seitliche Nischen anstelle eines Querhauses und einen riesigen Turm über oktogonalem Grundriss, dessen mächtiges Zeltdach sich bis auf 42 Meter Höhe erhebt.
Wegen der Nähe zum Seeufer wurden die externen Zugänge über Treppen, die normalerweise an die Westwand angebaut wurden, an die Nord- und Südwand angebaut. Die monumentale Silhouette kontrastiert merkwürdig mit der flachen Seelandschaft, aufgelockert einzig durch die ornamental anmutende Kontur des Holzbaus. Doch haben diese Formen durchaus funktionale Bedeutung, wie etwa die Dachrinnen, die das Wasser zu den Wasserspeiern leiten, die in den Senken der Dachkonstruktion angebracht sind. Die Komposition des Baus, der die ästhetischen Prinzipien der »Altgläubigen« repräsentiert, ist wohlproportioniert: Die kleine östliche Nische, die als »sruby« konstruiert ist und den Altar beherbergt, erhält ein kielbogenförmiges Dach, das auch als »bochka« bezeichnet wird. Das niedrige, zierliche Langhaus wird von den beiden Treppenläufen flankiert und bildet ein Gegengewicht zu dem großdimensionierten Turm mit Zeltdach.
Der Legende nach soll Baumeister Nestor seine Axt, nachdem er die Kirche der Verklärung Christi (Abb. 4, 5) vollendet hatte, in den Onega-See geworfen und dabei ausgerufen haben: »So eine gab es nie, es gibt keine zweite, und es wird nie eine geben.« Die Kathedrale hat als einzige von den zahlreichen vieltürmigen Kirchen Peters des Großen überdauert, die ab 1714 während des Großen Nordischen Krieges gegen Schweden (1700–1721) entstanden, aus dem Russland als europäische Großmacht hervorging. Sie wurde auf der Insel Kischi inmitten des Onega-Sees in Karelien errichtet, das im Krieg gegen Schweden eine zentrale Rolle spielte und zu dieser Zeit sehr bevölkert war.
Die Vieltürmigkeit der Kathedralen hat eine lange Tradition. Die Konzeption der Kirche der Verklärung Christi ist kühn und von kühler Rationalität. Ihre Struktur entspricht einem Oktaeder über einem griechischen Kreuz. Auf diesem ruhen weitere achtseitige Konstruktionen, die in Reihen aufsteigen und ganz oben die größte der 22 Kuppeln stützen. Weiter unten erhielten die Türme die typischen »bochka« oder kielbogenförmigen Dächer, die Nestor ungewöhnlicherweise mit einem Zwiebelturm verband. Der letzte der zweiundzwanzig Zwiebeltürme sitzt über der Apsis, deren Halbrund erst weiter unten hervorragt. Die fünf Reihen von Türmen sind vollkommen in den pyramidalen Aufbau des äußeren Erscheinungsbildes integriert, der sich im Norden Russlands so großer Beliebtheit erfreute. Ein Eindruck, den die silbrigen Schindeln aus Espenholz mit ihrem hellen Kontrast zum dunklen Holz der Kiefern verstärken. Die komplizierte Struktur der Baukörper bildet dennoch ein groß angelegtes Monument von sehr einheitlicher Wirkung. Nestor hatte durchaus Recht: Etwas Vergleichbares ist nie wieder gebaut worden. Die Kathedrale hat in der Regel ihren eigenen Komplex, in Russland den »pogost« – eine abgegrenzte, teils befestigte Ansammlung von Gebäuden, darunter ein Friedhof, wie er in Nordrussland üblich ist. Der »pogost« umschließt auch die Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, die als Winterkirche gebaut wurde. Das Innere mit der niedrig eingezogenen Decke war gut zu heizen. Von außen wirkt die Winterkirche mit ihren neun Kuppeln wie ein Vermittler zwischen der weiten karelischen Seenlandschaft und der immensen Höhe der benachbarten Kathedrale. Das Oktaeder fügt sich exakt in den rechteckigen Korpus der Kirche ein, die etwas erhöhten Treppenlaufe wenden sich symmetrisch der Kathedrale zu und beziehen sich auf die Symmetrie der Kirche selbst.
Trotz ihrer Kompliziertheit vermittelt die russische Holzarchitektur einen Eindruck von volkstümlicher Schlichtheit, welche der enormen handwerklichen Sorgfalt, mit der sie ausgeführt ist, nicht immer Rechnung trägt. Die Holzstämme wurden beispielsweise nach einer möglichst einheitlichen Größe ausgewählt, ein fiktives »Stamm-Modul« sorgt in vielen Holzbauten für das Gefühl von großer Ausgewogenheit der Proportionen. Und dennoch vergessen wir darüber nie, dass das Baumaterial lediglich Baumstämme sind. Bestimmte architektonische Formen werden allerdings von den russischen Holzbauern zu hoher Vollendung gebracht. Es ist leicht, mit einer Rahmenkonstruktion die Gestalt eines Baukörpers zu bestimmen, der Vorteil der Blockbauweise liegt aber in der Möglichkeit, Bögen und Kurven zu erzeugen. Der Zwiebelturm, Russlands wohl eindrücklichstes architektonisches Symbol, wurde in derselben Art und Weise errichtet wie die ihn tragende Wand. Kurze Planken und Bretter wurden über achteckigem Grundriss polygonal zu einer Spitze hochgezogen, die Grate mit der Axt geglättet – aber erst durch die deckenden Schindeln ergibt sich der Eindruck einer gewölbten Fläche. Für eine der prägnantesten und kompliziertesten Formen der Holzarchitektur wurden lediglich einfachste Techniken der Holzverbindungen und Verzapfungen gewählt.






