Diskussion: Holz in Architektur, Interior- und Produktdesign

Ist Holz ein Hightech-Material? Ist die ökologische Ästhetik eine Spekulation über das Schöne - oder eine konkrete Utopie? Ist Architektur die Suche nach der Ästhetik nachhaltiger Lebenweisen? Bedeutet ökologische Lebenskunst »langsamer, weniger, besser, schöner?« Sind die Ressourcen Phantasie, Kreativität und Schönheit unbegrenzt? Fragen wie diese gehören für Matteo Thun zu einer gesamtheitlichen Betrachtungsweise. Holz ist als natürliche Ressource seit jeher ein wesentlicher Baustoff in der Architektur und im Design - und als nachwachsendes Baumaterial unverzichtbar.

Diskussion: Holz in Architektur, Interior- und Produktdesign
Westfassade © Vigilius Residence

Ungern spreche ich über das Thema »ökologische Nachhaltigkeit«, denn dieser Begriff ist ein Pleonasmus. Keinen Raubbau an der Natur zu betreiben, gehört ja seit jeher zur Arbeit der Architekten. Ich möchte mich vielmehr auf die Ethik unseres Berufsstands konzentrieren.

Holz ist das Material des 21. Jahrhunderts und aus den Bereichen Architektur und Design als einziger nachwachsender Baustoff nicht mehr wegzudenken. Der Lebenszyklus von Holz scheint praktisch unendlich. Wir Architekten müssen heute auch Lebenszyklusmanager sein; expressive Formensprache allein kann sich niemand mehr erlauben. Diesen Gedanken haben wir im Rahmen der Mailänder Möbelmesse im April dieses Jahres thematisiert. Die Installation »The Wooden Beacons«, die wir mit dem italienischen Modehaus Marni realisierten, zeigt den Lebenszyklus der Dinge auf. Holz und Stoffe, die wiederverwendet wurden und werden, bilden einen Dialog zwischen zwei kreativen Welten: Architektur und Mode, verbunden durch Holz.

Technische und ästhetische Langlebigkeit

Wir können nicht länger alles wegwerfen. Wir müssen uns abwenden sowohl vom Überfluss der 1990er-Jahre als auch vom Überdruss des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. Wir brauchen mehr Dauerhaftigkeit! Als Architekt und Designer weiß ich, wovon ich spreche – die gebaute Umwelt verursacht etwa 50 % des weltweiten Energieverbrauchs, produziert die Hälfte aller Treibhausgas-Emissionen und verbraucht 50 % unserer Ressourcen.

Bei der Arbeit mit Holz fasziniert mich das Rohe, das Ursprüngliche und auch die Schönheit von Holz an sich – Maserung, Farbe, Unebenheiten, Wärme und Natürlichkeit. Holz macht es möglich, nachhaltige Lösungen zu finden, Ressourcen zu achten, ökonomisch messbare Ergebnisse zu erzielen und gleichzeitig Ästhetik und Schönheit zu unterstützen. Als natürliche Ressource ist Holz schon immer ein wesentliches Element in der Architektur gewesen und für meine Arbeit heute essenziell: Es entspricht meiner Philosophie des »Triple Zero«. Dies bedeutet, lokale Materialien zu verwenden, die nicht weiter als 24 Stunden von der Baustelle entfernt herbeigeholt werden und weder CO2 noch Abfall erzeugen. Holz erfüllt diesen Anspruch: Es kann oft aus der Region bezogen werden, ist kohlenstoffneutral, kann einfach recycelt werden, verfügt über hervorragende statische Eigenschaften, ist flexibel und nachhaltig und bietet ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten.

Holz als Baustoff verkörpert die Idee vom Bauen im Einklang mit der Umgebung, mit der lokalen Kultur und Wirtschaft. Aber nicht nur. Holz eignet sich wegen den guten Verarbeitungsmöglichkeiten mit modernen Maschinen und wegen seines geringen Gewichts im Vergleich zu anderen Massivbaustoffen hervorragend zur seriellen Vorfertigung. Bereits in den frühen 1990er-Jahren haben unsere Niedrigenergiehaus-Systeme und vorgefertigten Holzhäuser »Heidi« für Rubner und »O Sole Mio« für GriffnerHaus dies verdeutlicht. Serielle Produktion bedeutet Optimierung von Bauzeit, Baukosten und Betriebskosten.

Holz bietet eine Vielfalt an Einsatzmöglichkeiten. Flexibel in der Verarbeitung, besitzt es optimale statische und bauphysikalische Eigenschaften, nicht nur zur kompletten Konstruktion des Gebäudes, sondern auch im Interior Design und im Produktdesign.

Es vermittelt Wärme und Natürlichkeit. Gleichzeitig ist Holz durch seine Maserung, seine Farbe und seine Unebenheiten immer einzigartig. Auch im Hinblick auf unsere Gesundheit bietet es Vorteile, da es das Raumklima ausgleicht und unser Wohlbefinden begünstigt. Kurzum, Holz eignet sich in vielen Bereichen: vom Möbel bis zur Wand- und Deckenverkleidung, vom Fußbodenbelag bis hin zur Gestaltung des Bads; es kann durch entsprechende Behandlung wasserresistent werden. Holz verfügt als formbares und modellierbares Gestaltungselement über die wichtige Eigenschaft, flexibel und belastbar zu sein.

Weniger ist mehr

Ich wurde in Südtirol geboren. In dieser alpinen Region geschieht die Verehrung der Natur auf konkrete Art und Weise. Diese Haltung hat seine Spuren hinterlassen: Die Walserbauern sind meine unbestrittenen Idole der Architektur, da sie immer schon nach der Devise »less is more« gebaut haben. Sie schaffen aufgrund der Armut und der Klimabedingungen die einfachsten und sparsamsten Lösungen. Daraus entsteht eine Ästhetik, die nicht Minimalismus heißt, sondern die essenziell ist. Für mich muss Architektur primär die grundlegenden Bedürfnisse befriedigen. Mittlerweile ist es für Architekten Usus zu sagen »weniger ist mehr«; dabei war diese Einstellung seit jeher die Basis für die handwerkliche Kultur der Walser. In den Alpen zu bauen bedeutet heute, Ansprüche auszugleichen – die Interessen der Touristikindustrie und den Respekt vor Tradition und Natur in Einklang zu bringen. Dies bedingt eine ständige Suche nach der richtigen Balance, nach neuen Wegen, das Bauen in den Alpen ökologisch vertretbar zu gestalten. Von den Bergbauern haben wir das Wissen über die Mikrogeografie, über die Winde und das Klima überliefert bekommen. Von ihnen konnten wir lernen, mit der Natur zu bauen, die Elemente der Natur zu nutzen und zu respektieren. Nur mit einem ehrfurchtsvollen Verständnis für die Natur kann eine organische Architektur entstehen. Sie ist niemals bloßer Stil, sondern eine Synthese aus dem Bestehenden, der Bestimmung und dem Gelände. Dies ist unser Anspruch beim Planen und Ausführen unserer Bauvorhaben. Unser Ausgangspunkt ist eine gesamtheitliche Betrachtungsweise der Baustoffe: Wie aufwändig und kapitalintensiv sind die Herstellungsprozesse? Wie weit können sie wieder verwendet werden? Wie knapp sind die Rohstoffe? Wie ist das Verhältnis von eingesparter Holzenergie und aufgewendeter Herstellungsenergie? Der Holzbau heute stellt eine gesellschaftliche Verpflichtung dar. Wir haben ein funktionierendes Forstwesen, eine moderne Sägeindustrie, ein lebendiges holzverarbeitendes Gewerbe.

Das Prinzip Null Kilometer, das beinahe klingt wie ein neues Postulat in der Architektur, geht zurück auf Vitruv. Er plädierte dafür, Baustoffe nur aus nahegelegenen Standorten zu verwenden. »Null« heißt für ihn nichts anderes als die Entfernung, die ein Ochsenfuhrwerk an einem Tag zurücklegt, um Rohstoffe auf die Baustelle zu transportieren – also Material von Orten zu beziehen, die sich in der Nähe der Fertigungsstätte befinden. Was jedoch noch bei Vitruv plausibel erscheint, ist heute beinahe schon revolutionär. Auf unsere Zeit übertragen bedeutet dies die an einem Tag von einem Lkw zurückgelegte Entfernung. Überschreitet man diesen Zeitraum, kann nicht mehr von Nachhaltigkeit gesprochen werden.

Bauen im Einklang mit der Natur

Nach diesen Grundsätzen entstand im Jahr 2003, inmitten von Obstbäumen und Weinbergen, das Hotel Pergola Residence in Meran (Abb. 14–16). Die Architektur nimmt das Motiv der Weinpergeln – Holzgerüsten, auf denen man die Rebstöcke aufzieht – fast wörtlich. Die traditionelle Südtiroler Holzbauweise zitierend, die auf einheimischer Lärche beruht, schiebt sich das Hotel terrassenförmig in den Hang.

Ebenso in Südtirol entstand ein Luxus-Öko-Refugium, das 1500 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Vigilius Mountain Resort (Abb. 5–8). Hier koexistiert das Bewusstsein mit der Ästhetik – alles dreht sich um die Natur und die Landschaft. Das Hotel ist nur per Seilbahn erreichbar und fast unsichtbar in seiner Umgebung. Vollständig aus lokalem Lärchenholz vereint das Resort die alte Substanz mit neuem Wachstum. Dies gilt für die Residences edel:weiss am Katschberg in Österreich ebenfalls – eine architektonische Gratwanderung. Um das Umland nicht noch mehr zu zersiedeln, ragen die beiden Wohntürme wie zwei Tannenzapfen aus der Umgebung – eine rhombenartig verflochtene Holzstruktur, die sich respektvoll in die Höhe erhebt und versucht, in der Umgebung aufzugehen (Abb. 11).

Auch bei der markanten, rautenförmigen Holzkonstruktion, die das Gebäude der Hugo Boss Industries Strategic Business Unit in Coldrerio umschließt, führt die Natur in jeder Hinsicht das Diktat (Abb. 12). Die Rautenkonstruktion der Hülle ist aus einheimischem Holz und bietet bei gleichzeitig hohem Lichtdurchlass Schutz vor Regen, Sonne und Verwitterung.

Diese hölzerne Klimahülle findet sich im Hugo Boss Concept Store im Meatpacking District, New York, im Inneren mit einer komplett anderen Funktion wieder (Abb. 13).

Verbrennt Holz, schließt sich der Zyklus der Natur. Wenn Holz aber vollständig verbrennt, kann dieser Prozess in Energie verwandelt werden. Die Bio Powerstation Schilling in Schwendi produziert Energie und deckt damit den Strombedarf des angeschlossenen Sägewerks und eines nahen Krankenhauses. Die zylinderförmige Ummantelung aus Lärche um den kubusförmigen Kern der Anlage fungiert wie ein natürlicher, schwebender Filter zwischen Innen und Außen. In die Architektur übersetzt meint das eine Ästhetik der Ökologie: Transparenz, Leichtigkeit, Klarheit der Form.

Ich halte eine tragfähige Architektur für richtig, die alle Facetten des Genius loci respektiert; ich vertraue auf die »echte« Nachhaltigkeit architektonischer Konzepte. Hierbei ist Holz als Baustoff elementar. Die fünf 6-geschossigen Gebäude des 2009 errichteten Komplexes Tortona 37 in Mailand sind um einen ausgedehnten grünen Innenhof gebaut. Die gesamte Energie für die Gebäude speist sich durch das Grundwasser; das Klima- und Heizungssystem basiert auf der geothermischen Energienutzung. Die Fassaden sind teilweise mit Holz versehen und bilden einen zusätzlichen Brise-Soleil. Das Holz wurde in seiner ursprünglichen Materialität, also unbehandelt, verwendet, um im Lauf der Jahre gut zu altern.

Aktuell arbeitet unser Mailänder Studio an einigen alpinen Projekten, den so genannten »Archilandscapes«. Zwei davon entstehen im schweizerischen Wallis, eines in Zermatt auf 2200 Metern Höhe, vertikal in den Berg gebaut. Das Familienhotel »Bella Vista« am Fuß des Stilfser Jochs hat als »KlimaHotel« bereits die Pre-Zertifizierung der Agentur CasaClima erhalten. Bei all diesen Projekten ist Holz das essentielle Element, auch im Inneren.

Hightouch statt Hightech

Goethe sagte einmal, man greife mit den Augen und sehe mit den Händen. Im kleinen wie im großen Maßstab ist Holz gut einsetzbar, weil es multitaktil ist. Es gibt so viel von seiner Entstehungsgeschichte preis, zeigt sein Alter, seine Verbiegungen, seine Verletzungen, aber auch seine Dauerhaftigkeit und Beständigkeit – wunderbare Voraussetzungen für Gestaltungen im Designbereich. In Japan gibt es uralte Eukalyptus-Wasserhäuser. Sobald Wasser das EukaIyptusholz berührt, entsteht ein unfassbarer Duft. Holz spricht alle Sinne an und ist das Material auf allen Ebenen unserer Arbeit. Für die italienische Firma Rapsel entwickelten wir ein spezielles Verfahren für eine wasserresistente hölzerne Badewanne. In mehreren Arbeitsgängen wird das Holz getrocknet und in einem speziellen Verfahren geschnitten, geformt und zusammengefügt. Die Wanne ist bis hin zum Verschlusspropfen aus Lärchenholz (Abb. 10). Das Design konzentriert sich auf das Wesentliche, fügt Form und Holzmaserung harmonisch zusammen. Auch das Bad »Il Bagno che non c’è« (das unsichtbare Bad), ebenso für Rapsel, ist vollständig aus Holz gefertigt. Beide Entwürfe wurden mehrfach mit Design-Preisen prämiert. Das zeigt einmal mehr den Wunsch der Menschen nach Materialien, die statt Hightech vielmehr ein Hightouch-Gefühl vermitteln.

Für Zwilling haben wir Messer entworfen, bei dem sich Holz und Hochleistungsstahl verbinden. Die Technik bleibt verborgen; die Kunst liegt in der Behandlung der Oberfläche. Auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse haben wir auch den Tisch »Briccole di Venezia« für die italienische Holzmanufaktur R1920 vorgestellt, der aus Originalplanken aus den venezianischen Lagunen gewonnen wurde (Abb. 9).

Die Lampenserie Arba für Belux, die nicht nur die aktuellen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Energieeinsparung erfüllt, ist aus Ahornholz. Sie produziert ein Gefühl von Vertrautheit und filtert in perfekter Harmonie das fluoreszierende Licht in ein warmes, kraftvolles und komfortables Licht. Auch hier hat sich Holz einmal mehr bewährt.

Fazit

In welche Richtung geht es also weiter? Um den sozio-ökonomischen Bedingungen und der Umwelt zu antworten, kann das Schlüsselwort nur Nachhaltigkeit heißen. Das Prinzip » Null Kilometer« verbindet Ethik und Ästhetik und macht den Architekten auch zum Lebenszyklusmanager, der nicht auf eine expressive Formensprache oder einen hohen Wiedererkennungswert setzt, sondern auf Respekt: Respekt vor dem jeweiligen Ort, an dem ein Gebäude entstehen soll, oder vor einer Marke, für die ein Produkt entworfen wird.

Ich möchte an dieser Stelle gern an den italienischen Schriftsteller Italo Calvino erinnern: In seinem unvollendeten Buch »Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend« empfiehlt er Leichtigkeit, Schnelligkeit, Genauigkeit, Sichtbarkeit, Vielfalt. Der sechste Begriff und Titel der abschließenden Vorlesung, die aufgrund seines Todes nicht mehr stattfand, lautete Beständigkeit – auf den Baustoff Holz angewendet heißt das technische und ästhetische Langlebigkeit. Tradition und Innovation, Authentizität und Ethik sind Begriffe, die mich bei meiner Arbeit auch in Zukunft begleiten – am liebsten mit Holz natürlich.